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Fatal Underground (08/2011)



Rüdi: Na, Alex, sind schon satte 21 Ausgaben des Fatal Underground seit dem letzten Interview im F.U. 16 vergangen. Erinnerst du dich noch schwach an die Zeit, als deine Single "Genetisches Material" 2002 erschien?

Tagchen Rüdi und liebe F.U.-Leserschaft. 21 Ausgaben? Das ist satt. Kann man sagen, daß ich Deine Jugend geprägt habe? ;) An "Genetisches Material" kann ich mich nicht nur dunkel erinnern – der Track verfolgt mich bis heute. Da hab ich sozusagen ganz schön was angestellt.. War das Teil 2002 noch eine Eigenproduktion, wurde es in den Jahren 2005 und 2006 von einem US-Label auf größerer Ebene veröffentlicht. 2005 auf der hauseigenen "Weatherhead"-Compilation und 2006 kam dann mein US-Debüt "Ecclesiophobia". Letztere Scheibe hinterließ in der Dark Electro- und Industrial-Szene schon einen gewißen Eindruck und wurde sogar eines der Top-Alben 2006 im Re:Gen- Magazin. Mittlerweile ist das Album etwas untergegangen, aber "Genetisches Material" macht nach wie vor die Runde.

Rüdi: 1996 startete deine Idee mit Taxim und 1997 gab es dein erstes Game Soundtrack Album "My World". Wie es schon damals hieß, war es dir recht früh möglich, aus wenig viel zu machen, weil es eine Weile dauerte, bis dein erster Synthesizer für dein erstes Album zur Verfügung stand. Welche Ansprüche muß für dich ein Taxim Stück erfüllen, um veröffentlicht zu werden?

Das erste Game Soundtrack-Album war "SynthieTrax 64 Vol.1", das offensichtlich Remixe von C64-Soundtracks enthielt, "My World" war das erste Taxim-Album mit eigenem Material. Beide Scheiben erschienen 1997.. Ja, als C64-Composer (wie man uns nennt) lernt man halt, wie man aus wenig viel macht. Paul Norman (C64-Spieleentwickler der 80er) sagte jüngst: "Ich weiß nur noch, daß ich versucht habe, mit einer Flöte, einem Kazoo und einer Kreissäge Musik zu machen." Lach.. So oder so ähnlich sieht's wohl aus. Meine Ansprüche an mich, bzw. meine Musik sind schon verdammt hoch. Ein Track muß "kicken", also das Bein und/oder den Kopf in Bewegung setzen oder sonstwie geil sein, z.B. über eine auffallend gute Melodie. Im Optimalfall natürlich beides. Auch leg ich Wert darauf, daß ich mich nicht wirklich wiederhole. Ich mach ja nun schon sehr lange Musik (ca. 22 Jahre) und da muß für einen selbst einfach was Frisches kommen.

Rüdi: Zwischen deiner "Synthie Trax 64 Vol 3"-Veröffentlichung (1999), der Single "Genetisches Material" (2002) und deiner EP "Kosmische Ordnung" (2005) lagen jeweils satte 3 Jahre. War dieser Abschnitt ein etwas schwierigerer Schaffensabschnitt?

Joa, schwieriger Schaffensabschnitt da schwieriger Lebensabschnitt. Vor 11 Jahren bekam ich massive gesundheitliche Probleme, von denen ich auch noch lange was haben sollte. Diese wirkten sich dann natürlich auch auf die Musik aus. Bis 2000 hatte ich mehrere Stücke/Songs im Monat geschrieben, während ich zwischen 2001 (2000 lief gar nichts) und 2008 vielleicht 3 oder 4 im Jahr schrieb. War definitiv 'ne Zeit zum Abgewöhnen, aber 2008 hab ich dann ja zum Glück wieder richtig Gas geben können.

Rüdi: Was macht dein Online Magazin, das im F.U. 16 erwähnt wurde?

Oh Mann, da muß ich fast passen. Ich werd die Ausgabe 16 zwar noch unter viel Gerümpel in meinem Schrank haben, aber bevor ich mich jetzt beim Entrümpeln verletze, geh ich einfach mal davon aus, daß du die Tiger-Disk meinst. Ist ein C64-Magazin, das ich mittlerweile komplett übernommen hab und mit 2 anderen zusammen schmeiße. Existiert also noch und auch gibt’s für das Dingen eine kleine Homepage, wo man u.a. alte und neue Ausgaben "ziehen" kann: www.taxim-music.com/td


Rüdi: Etwas, das für mich verwirrend war, ist daß es deine Veröffentlichungen eigentlich nicht als Tonträger bei dir zu bekommen gibt, sondern vielmehr als Datenmusik im Internet vertrieben wird. Was veranlasst dich zu diesem Schritt? Heute gibt es schon Leute, die keine Tonträger mehr kaufen und alles in gespeicherter Form haben. Ist es bei dir auch so, daß andere Tonträger für dich zu viel Platz wegnehmen und deshalb als Datenmusik bei dir gespeichert werden?

Nee, ich gehöre immer noch zu denen, die CD's kaufen, also richtig schön Old-Skool. ;) Wobei ich gestehe, daß die Musik dann irgendwie doch auf meiner Festplatte landet, dieweil auf diese Weise Unmengen an Musik nur einen Klick weit entfernt sind. Was meine Outputs anbelangt: Das liegt nicht nur bei mir. Bekanntermaßen hat die Musikindustrie ja schon lange Schlagseite und die Labels mußten sich viel einfallen laßen, wie sie die Kohle wieder reinbekommen würden. Erst stieg man auf professionelle CD-R's um, da billiger, und dann kam die digitale Schiene. Sie ermöglicht, Newcomer effektiver abzuziehen oder bei vielversprechenden Bands günstig "vorzufühlen". Gepreßte Industrie-CD's zahlen sich nur noch bei wirklich großen Bands einigermaßen aus, weshalb meine EP "Psychologenfutter" (2008) auch nur digital auf Ionium (ehem. Xenobiotic) Records erschien und auch die European Music Group entschied sich im Falle von "Einer für sich" für ein Digital Only-Release, zumal das Album ziemlich speziell ist. Letzteres Label ist übrigens der unseriöseste Laden, mit dem ich je zusammengearbeitet hab.

Rüdi: Einen wahrlichen Umbruch hat es bei dir dann mit dem Album "Einer für sich" (2010) gegeben, wo erstmals eine Liveband hinter dir steht und sehr viel mehr Gesang von dir zu hören ist. War es für dich nach so langer Zeit einfach ein Bedürfnis, deine kraftvollen Klänge live unter die Leute zu bringen?

Na ja, eigentlich hatte das nicht wirklich was mit Live zu tun – du weißt ja, heutzutage sieht man auch manchmal nur einen Mann mit Schläppi auf der Bühne, der dann mehr oder weniger gekonnt zu Instrumentalsounds zappelt. Übel. Nee, ich wollte einfach mal total andere Musik machen; völlig ausbrechen aus diesem sonst ja ziemlich düsteren Ambiente. Ich bin ja auch (was ich vorher aber noch nie so nach außen gekehrt hatte) eine ziemlich "punkige" Person und da war dann der Schritt in Richtung Electro (Fun) Punk naheliegend.





Rüdi: Bleiben wir mal bei deinem Album "Einer für sich", das wirklich ausgesprochen vielseitig augefallen ist. Möchte einmal näheres zu 5 meiner Lieblingsstücke erfahren.

- "Erlöser"
Völlig schwachsinnige Ode an mich und den Funpunk. Ich nehm mich nicht annähernd so ernst, wie man anhand vorangegangener Outputs meinen könnte.. Privat bin ich eigentlich ein ziemlich abgedrehter und "humoriger" Typ und das mußte ich einfach auch mal musikalisch rauslaßen. Der Song war ursprünglich als Querschläger für die "Metarail"-EP (2009) gedacht, aber dann gefiel mir das Ergebnis so gut, daß ich beschloß, 'ne ganze Platte in diesem Stil zu machen. "Erlöser" war übrigens auch der erste Song ever, in dem ich "richtig" singe. Gesungen hab ich zwar schon immer, aber halt nur im stillen Kämmerlein.

- "Keine Musik"
Auch 'ne schräge Angelegenheit. Der Hintergrund ist der, daß ich vor einigen Jahren in irgend 'nem Myspace-Profil las: "Musik ohne Gesang ist keine Musik". "Kurios", dachte ich und es stand für mich fest, daß ich eines Tages mal ein Instrumentalstück "Keine Musik" nennen würde. Et Voilà. Die Sache wurde von mir dann natürlich entsprechend kommentiert und damit alles noch provokanter und nerviger rüberkommt, hab ich C64-Sounds eingebaut und teils ekelig hoch "gepitcht". Davon gibt’s übrigens auch eine reine C64-Version.

- "Eskimo", nicht nur die erfundene Radiosendung, sondern auch das Thema des Songs. Wie kommt man nur auf so etwas?
Das ist kaum erklärbar – da könntest du genausogut Helge Schneider fragen, wie er auf seinen Reis-Song kam. Die Antwort ist also: Man kommt einfach drauf, bzw. ist man vielleicht ein halbwegs begnadeter Komiker. Meine Gedankengänge werden ungefähr folgende gewesen sein: "OK, machen wir mal aus 'ner Sache ein Problem, die kein Problem ist. Hm, am Nordpol will ich nicht kacken, denn da gibt’s keine Toiletten. Moment, stimmt – Eskimos haben keine Toiletten. Klasse, da machen wir mal was draus." Und der "Rest" kam dann einfach so. Paßt eigentlich auch in die Kategorie "Aus wenig viel machen". ;)

- "Bläck Mätel", Black Metal wird in letzter Zeit gerne mal veräppelt. Haben dich dabei J.B.O. mit ihrem "Kleiner Vampir" Song darauf gebracht?
"Kleiner Vampir" von J.B.O. find ich sehr geil, allerdings war mir der Song tatsächlich erst nach dem Schreiben von "Bläck Mätel" bekannt. Trotzdem wußte ich natürlich, daß es vergleichbares gibt, z.B. Knorkator's "A" oder "Dauerwelle vs. Minipli" von den Ärzten. Wie auch immer, hat nicht wirklich was mit diesen Songs zu tun. Ich schrieb den Song, nachdem mich meine Ex-Freundin an einem Sonntagmorgen unsanft mit Black Metal geweckt hatte. Laut! Mann, hatte ich einen Hals.. Da mußte dann sofort diese Parodie her.

- "Für Krieg"
Ein Song mit sehr alten Taxim-Trademarks aus der C64-Zeit. Hohes Tempo, E-Gitarren, Orchester-Tusche. Ferner ist der Song ganz klar von Thrash Metal der 80er inspiriert, den ich nach wie vor oft höre. Ich weiß, ich hatte da was zum Thema sich wiederholen gesagt, aber in diesem Fall war's OK, da ich dieses Schema noch nie auf richtige Instrumente umgesetzt hatte. Der Name scheint natürlich provokant, aber es ist ein Song gegen Krieg und insbesondere gegen den braunen Mob, den ich in jeder Strophe mit "Soso, du bist für Krieg" anspreche. Mein Ziel war's, einen Anti-Nazi-Song auf die Beine zu stellen, der quasi ohne Beschimpfungen auskommt, dafür aber knallharte Argumente liefert. Frei nach dem Motto: "Rein in die Zeitmaschine, ab nach Stalingrad und dann will ich dich 'Sieg Heil' schreien sehen.. Penner." ;)


Rüdi: wie sieht deine derzeitige Liveband aus und welche besonders tollen Eigenschaften sind seit dem spürbar?

Die sieht immer noch so aus wie 2009, als sie sich formierte. Frau Schön an den Keyboards und dummen Kommentaren, Frau Kopfschuss an den Gitarren und am Aushilfsgesang (auf "Einer für sich" brauchte ich jedoch keine Hilfe) und meinereiner am Bass und natürlich Gesang. Ach ja, Songschreiber bin ich klar auch, wobei sich Frau Schön immer wieder mal erlaubtermaßen in die Texte einmischt. Diese Band ist einfach klasse.. Wir haben 'nen Mordsspaß bei den Aufnahmen und ich denke, das hört man auch. ;) Wir sind alle auf einer Linie und das ist für Live dann natürlich auch wichtig. Absprachen? Vergiß es.. Bei uns herrscht Anarchie. Alle labern, wie sie wollen und das hat übrigens nicht selten auch 'nen gewißen Unterhaltungswert.

Rüdi: 2011 erscheint das Album "15 Years Taxim". Diejenigen, die die Geschichte des Wiederkehrenden verpasst haben, bekommen hier sicher einen tollen Einblick in deinen musikalischen Werdegang. Nach welchen Maßstäben wurden die Stücke ausgesucht?

"15 Years Taxim" ist eine – ich sag das grad mal so – kommentierte Best Of, die ich nach so viel Instrumentalmucke für ganz interessant hielt. Ist ja nicht so, als hätt ich immer planlos in die Tasten gehauen.. Tatsächlich gab's schon so einiges zu erzählen. Die Tracks darauf sollten natürlich größtenteils so Meilensteine sein, wie z.B. der allererste Taxim-Track und Tracks, die 'nen wichtigen Lebens- oder Schaffensabschnitt markierten. "Legends" beispielsweise ist auf einer Platte, die's 1999 auch in die entlegensten Winkel Australiens schaffte und das fand ich natürlich schon schwer klasse. "Timeout" markiert dann die Darkwave-Zeit, "The 25th Year" das Aus für die erste große Liebe.. Sowas halt. Und die meisten Tracks zählen dann eben auch musikalisch zu meinen besten.

Rüdi: Musikalisch gibt es eigentlich keine Grenzen mehr. Gibt es für dich aber trotzdem Klänge, welche bei Taxim nichts verloren haben?

Na ja, Taxim ist (solo) definitiv E-Musik, ergo werden schon mal Klänge aus dem U-Bereich außen vor gelaßen. ;) Auch hab ich's nicht wirklich mit schwer kommerziellen Stilen, wie z.B. R'n'B, House und Hip Hop. Im Rahmen von Parodien ist das natürlich was anderes, aber dieses Projekt wird garantiert immer "indie" bleiben.

Rüdi: Wie lässt sich Taxim 2030 live vorstellen, wo jetzt eigentlich der Startschuss als Live Band gefallen ist?

Lach.. Laß mal überlegen – 2030 wär ich 56 Jahre alt, Frau Schön 46 und Frau Kopfschuss.. Ach du je. OK, vermutlich wär dann schon mal jemand anders an der Gitarre. Leider. Ich könnt mir schon vorstellen, mit 56 noch auf Bühnen Sprüche zu klopfen, ohne als Reinkarnation von Mick Jagger zu gelten. Der wird dann ja wohl wirklich nicht mehr leben.. Oder? Demnach, wer weiß.. Vielleicht gar nicht mal so viel anders als jetzt.

Rüdi: Für 2012 ist schon das Album "Monitoring" geplant, welches 12 Tracks enthalten wird und eine Thematik aus Psychologie, Gesellschaftskritik und Politik behandelt. Wird diese Veröffentlichung vergleichbar mit dem Brückenschlag des "Einer für sich" Albums sein?

Nope, definitiv nicht. Wie man anhand der Thematik ja schon sehen kann, wird’s wieder ernst. Ich denke, daß es nach 2 EP's und einem völligen Querschläger ("Einer für sich") mal wieder an der Zeit für ein ganzes (ernstes) Taxim-Album ist. Und natürlich hab ich da einfach auch mal wieder Bock drauf. Gewißermaßen geh ich mit "Monitoring" etwas back to the roots: Überwiegend dunkler, druckvoller und melodischer Electro mit gelegentlichem Gitarreneinsatz und ohne 4/4 Club-Beats. Es werden wieder alte Trademarks auftauchen, jedoch im Rahmen neuer und innovativer Songs. Ich glaub schon, daß "Monitoring" bei Fans älteren Taxim-Materials Anklang finden wird und auch "die anderen" könnten's durchaus mögen.



Rüdi: Wird es auch irgendwann mal ein reines DVD - Album mit den Band Videos und Liveauftritten geben?

Da hab ich bislang noch nicht so wirklich drüber nachgedacht, aber die Produktion einer solchen DVD würde mir, bzw. auch uns garantiert Spaß machen. Vorteilhafterweise konnte ich bereits Kontakte zu Regisseuren knüpfen, da ich mittlerweile auch Filme vertone und ich denke, daß diese Jungs nach dem Motto "eine Hand wäscht die andere" auch mal was für Taxim machen würden. Somit wäre dann auch visuell mal Professionalität gewährleistet, der ich mich – laut anderen – ruhig offener gegenüber zeigen sollte ("Sei nicht immer so bescheiden."). ;) Kurzum: Ich behalte diese Idee mal im Hinterkopf.

Rüdi : Danke Alex für deine Zeit. Da Taxim keine reine Metalband sind, schreib uns ein passendes Schlußwort unter das Interview!

Tja, Leute.. So klingt das, wenn ein Metal-Fan auf die "falsche" Bahn geraten ist. Doch immerhin komm ich euch nicht mit so schwer verdaulichen Hardcore-Electronics wie Morbid Angel auf der "Illud Divinum Insanus". In diesem Sinne: Keep bangin'.. Und danke für's Interesse, Rüdi.